Vor einiger Zeit habe ich einen ersten Artikel über Inspirationsquellen für Fotografen geschrieben. Und ich hatte versprochen, noch einen zu schreiben. Dann mache ich das mal.
Als Fotograf legt man seinen Fokus gerne ausschließlich auf das Sehen. Alle Ratgeber empfehlen, Bildbände zu lesen, sich Portfolios anderer Fotografen anzuschauen und Ausstellungen zu besuchen. Ich will auch gar nicht bestreiten, dass das richtig und wichtig ist. Allerdings sollte man als Kreativer (und ich behaupte einfach mal, dass alle, die Fotografieren, kreativ tätig sind) sich nicht nur von Fotos inspirieren lassen. Mir fällt dazu eine Textstelle der Beginner aus ihrem Song “Fäule” ein:
“Wer Hip-Hop macht aber nur Hip-Hop hört, betreibt Inzest.”
Soll heißen, wer sich kreativ mit einem Medium oder einer Stilrichtung auseinandersetzt und seine Inspiration nur in diesem Bereich sucht, wird sich nicht weiterentwickeln, sondern am Ende nur bereits Dagewesenes (oder, um im Zitat zu bleiben, gar etwas degeneriertes) produzieren.
Daher appelliere ich daran, sich auch aus anderen Bereichen Inspirationen zu holen. Und zwar aus der Musik. Musik vermag es sehr gut, Stimmungen zu erzeugen, Erinnerungen zu wecken, Gefühle auszulösen und Gedanken anzuregen. Und das sind durchaus auch Ziele, die ein Fotograf verfolgt, wenn er ein Foto macht.
Hier kommt das Thema Synästhesie ins Spiel. Unter Synästhesie versteht man “die Kopplung zweier physisch getrennter Domänen der Wahrnehmung”. Heißt zum Beispiel, man hört etwas und hat gleichzeitig Formen und Farben vor Augen. Ganz so extrem wird es bei den wenigsten sein, aber jeder hat wahrscheinlich schon mal erlebt, dass ihm beim Musikhören das ein oder andere Bild in den Kopf kam.
Ich möchte einfach mal ein paar Beispiele nennen, die mich immer wieder anregen, zu fotografieren.
Klassische Musik
Als erstes fällt mir das Stück “Die Moldau” von Smetana ein. Diese Komposition begeistert mich schon seit vielen Jahren. Smetana schafft es, mit seiner Musik in meinem Kopf ein Bild dieses Flusses entstehen zu lassen, so als wäre ich bereits einmal dort gewesen und hätte den gesamten Flusslauf von der Quelle bis zur Mündung gesehen.
Ähnlich geht es mir mit der “Symphonie aus der Neuen Welt” von Antonín Dvořák. Man sieht sich förmlich durch die Landschaft des unberührten Wilden Westens reiten und die Freiheit genießen.
Klassische Musik eignet sich in meinen Augen besonders für die Landschaftsfotografie. Sie vermittelt die Weite, die Romantik, manchmal auch die Freiheit einer schönen Landschaft, die man sofort fotografieren und mit anderen Menschen teilen möchte.
Populärmusik
Aber auch Popmusik kann inspirierend sein. Wir werden zwar tagtäglich überall mit “den besten Hits der 70er, 80er und 90er” zugedröhnt, aber es gibt immernoch kleine Perlen, die noch nicht totgedudelt wurden. Als Beispiel möchte ich hier David Gray anführen, der es immer wieder schafft, mich mit seinen Songs zu überraschen. Da möchte ich sofort Menschen in verschiedenen Lebenslagen porträitieren. Natürlich helfen Musikvideos bei der Inspiration, ich empfehle aber, sich nur auf das Hören zu beschränken. Da hat die Phantasie dann etwas mehr zu arbeiten…
Tellerrand und darüber hinaus
Mit Popmusik meine ich nicht nur die Popsongs im eigentlichen Sinne, sondern die gesamte moderne, nicht klassische Musik. Mal etwas härteres von Linkin Park, mal etwas elektronisches aus dem Club, mal ein ruhiges Unplugged-Stück; all das kann mich kreativ stimulieren.
Natürlich hat jeder seine eigenen “Powersongs”, die ihn motivieren. Es lohnt sich auf jeden Fall, über den Tellerrand zu schauen. So berichtet ein Kollege, dass er eigentlich nicht auf die Supremes steht, sie ihn aber in eine produktive und konzentrierte Stimmung bringen.
Eine Möglichkeit seinen Horizont zu erweitern, sind Dienste wie last.fm. Man gibt ein Genre oder einen Künstler an und bekommt dazu passende Musik vorgespielt. So entdeckt man ständig Musik, die man noch nicht kennt. Und wer weiß, vielleicht ist es gerade dieser Song, der einem den gewünschten Kuss der Muse bringt.
Apropos Muse. Die Musik von Muse bietet für mich ein wunderbares Feld für Inspirationen. Unglaublich vielschichtige Songs, grandiose Texte, tolle Geräusche (ich nenne das jetzt einfach mal so).
Musik kann uns also dazu inspirieren, Neues auszuprobieren, kann uns dazu motivieren, in einer Schaffenskrise wieder die Kamera in die Hand zu nehmen. Die Wirkung beschränkt sich nicht alleine auf das Planen oder Durchführen eines Shootings. Auch nach dem Shooting vorm Rechner kann sie helfen, die richtigen Bilder auszusuchen (was durchaus manchmal mühsam sein kann) und bei der Nachbearbeitung noch die ein oder andere Idee liefern.
Der Effekt tritt dabei vielleicht nicht immer sofort ein. Manchmal hört man einen Song, den man schon seit Jahren kennt und hat plötzlich eine Eingebung. Manchmal ist man mit der Kamera unterwegs und denkt auf einmal an einen bestimmten Song. Inspiration ist halt keine exakte Wissenschaft.
Wie sieht es bei Euch aus? Welche Songs schaffen es, Euch zu motivieren, zu inspirieren? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
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